{"id":454,"date":"2023-02-27T17:46:54","date_gmt":"2023-02-27T16:46:54","guid":{"rendered":"https:\/\/moulindereflexion.com\/?p=454"},"modified":"2023-02-27T17:58:59","modified_gmt":"2023-02-27T16:58:59","slug":"ueber-statistik-und-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moulindereflexion.com\/fr\/2023\/02\/27\/ueber-statistik-und-forschung\/","title":{"rendered":"\u00dcber Statistik und Forschung"},"content":{"rendered":"<p>In den Reflexionen \u00fcber Lernen und Ged\u00e4chtnis 2 habe ich die Untersuchung von Kornell und Bjork (2008) zur Selbstregulation beim Vokabellernen vorgestellt. Dabei hat sich gezeigt, dass die Bedingung \u00abSelbstregulation\u00bb, bei der die Teilnehmenden entscheiden konnten, ob sie ein Vokabelpaar f\u00fcr weitere Lerndurchg\u00e4nge beibehalten wollten oder nicht, zu weniger guten Lernleistungen gef\u00fchrt hat als die Bedingung ohne Selbstregulation. Vermutlich deshalb, weil die Selbstregulation dazu verf\u00fchrte, Vokabeln verfr\u00fcht als gelernt einzustufen und von weiteren Lerndurchg\u00e4ngen auszuscheiden. In Folgenden m\u00f6chte ich den Untersuchungsplan und die Ergebnisse dieser Studie noch etwas detaillierter darlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn in der experimentellen Forschung zwei Bedingungen \u2013 in unserem Fall, zwei Lernbedingungen \u2013 miteinander verglichen werden, so gibt es prinzipiell zwei m\u00f6gliche Vorgehensweisen: (1) Die Teilnehmenden werden nach dem Zufallsprinzip auf zwei Gruppen verteilt, welche dann die Untersuchung gem\u00e4ss der einen oder der anderen Bedingung durchf\u00fchren. Oder (2) alle Teilnehmenden der Untersuchung absolvieren sowohl die eine als auch die andere Bedingung. Bei der ersten Vorgehensweise spricht man in der experimentellen Forschung von einer Variation <em>zwischen<\/em> den Versuchsteilnehmenden und bei der zweiten Vorgehensweise von einer Variation <em>innerhalb<\/em> der Versuchsteilnehmenden. Der Vorteil der zweiten Vorgehensweise ist der, dass in der Regel weniger Teilnehmende ben\u00f6tigt werden, weil allf\u00e4llige individuelle Unterschiede der rekrutierten Teilnehmenden bez\u00fcglich des interessierenden Masses (hier: bez\u00fcglich der F\u00e4higkeit zu Lernen), sich gleichermassen auf die Leistungen in beiden Bedingungen auswirken. Allerdings m\u00fcssen nun m\u00f6gliche sogenannte \u00abSt\u00f6rvariablen\u00bb bei der Versuchsdurchf\u00fchrung ber\u00fccksichtigt werden. Zum Beispiel, die Erm\u00fcdung: Im Laufe der Untersuchung k\u00f6nnten die Teilnehmenden erm\u00fcden, sodass ihre generelle Lernf\u00e4higkeit im zweiten Teil der Untersuchung abnimmt. Oder, eine Trainingseffekt: Da die Teilnehmenden wom\u00f6glich schon l\u00e4ngere Zeit keine Vokabeln lernen mussten, k\u00f6nnten sie im Laufe der Untersuchung beim Vokabellernen effizienter werden. Um die Wirkung solcher \u00abSt\u00f6rvariablen\u00bb auszugleichen, wird die Abfolge der Bedingungen variiert: jeweils die H\u00e4lfte der Teilnehmenden beginnt mit der Bedingung A (gefolgt von B) oder mit der Bedingung B (gefolgt von A).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Weise sind auch Kornell und Bjork (2008) bei ihrer Untersuchung vorgegangen. Als Lernmaterial verwendeten sie 40 Englisch-Suaheli-Wortpaare, unterteilt in zwei Listen \u00e0 20 Wortpaare, n\u00e4mlich je eine Liste f\u00fcr die beiden Lernbedingungen. Als Untersuchungsteilnehmende wurden 60 Studierende rekrutiert (Studierende der Psychologie sind verpflichtet, im Rahmen ihrer Ausbildung eine bestimmte Anzahl Stunden an wissenschaftlichen Studien teilzunehmen). Es gab zwei Lernbl\u00f6cke \u00e0 10 Minuten mit je 20 Wortpaaren. Die Wortpaare wurden auf einem PC-Bildschirm wie folgt dargeboten: Zuerst das englische Wort f\u00fcr 1.5 Sekunden, gefolgt vom Suaheli-Wort w\u00e4hrend 3 Sekunden. Um mit dem n\u00e4chsten Wortpaar fortzufahren, musste nun ein \u00abEntscheidungsknopf\u00bb gew\u00e4hlt werden, n\u00e4mlich \u00abStudy again later\u00bb oder \u00abRemove from stack\u00bb. Allerdings gab es diese Alternativen nur in der Bedingung mit Selbstregulation; in der Vergleichsbedingung ohne Selbstregulation wurde nur der Knopf \u00abStudy again later\u00bb pr\u00e4sentiert. Auf diese Weise wurden alle Wortpaare mehrmals dargeboten, bis die 10 Minuten pro Lernblock vorbei waren. Wie bereits gesagt, wurde die Abfolge der beiden Lernbedingungen und die Zuteilung der beiden Lernlisten auf die beiden Lernbedingungen so variiert, dass eine allf\u00e4llige Auswirkung dieser St\u00f6rvariablen auf die Testleitung ausgeglichen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim nachfolgenden Vokabeltest wurden dann W\u00f6rter beider Bedingungen resp. Listen in zuf\u00e4lliger Abfolge pr\u00e4sentiert. Dabei wurden die englischen W\u00f6rter gezeigt und die Teilnehmenden gebeten, das entsprechende Suaheli-Wort einzutippen. Dazu hatten sie f\u00fcr jede Vokabel 12 Sekunden Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gab es bez\u00fcglich Testzeitpunkt eine weitere Variation: Entweder wurde der Test gleich anschliessend an die Lernphasen, oder erst nach einer Woche durchgef\u00fchrt. Da diese Variation nicht innerhalb der Teilnehmenden variiert werden konnte (denn der erste Test h\u00e4tte ja eine zus\u00e4tzliche Konsolidierung des Lernens f\u00fcr den zweiten Test bewirkt) haben 31 Teilnehmende den Test sogleich absolviert, und die andern 29 Teilnehmende wurden nach einer Woche getestet.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz zusammengefasst: Die Untersuchung beinhaltete einen 2 x 2 Versuchsplan mit zwei sog. unabh\u00e4ngigen Variablen, n\u00e4mlich (1) die Lernbedingung (Selbstregulation versus keine Selbstregulation; Variation innerhalb der Teilnehmenden), und (2) der Testzeitzeitpunkt (unmittelbar versus nach einer Woche; Variation zwischen den Teilnehmenden). Dies ergibt die insgesamt vier Bedingungen, die in der Grafik der Ergebnisse enthalten sind, welche wir nun betrachten:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"519\" height=\"531\" src=\"https:\/\/moulindereflexion.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/image-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-459\" srcset=\"https:\/\/moulindereflexion.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/image-1.png 519w, https:\/\/moulindereflexion.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/image-1-293x300.png 293w, https:\/\/moulindereflexion.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/image-1-12x12.png 12w\" sizes=\"auto, (max-width: 519px) 100vw, 519px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit dem Trivialen: Die Teilnehmenden, die den Vokabeltest unmittelbar nach den Lernphasen absolvierten, konnten durchschnittlich bedeutend mehr Vokabeln korrekt wiedergeben (2 Balken links), als jene, die erst nach einer Woche getestet wurden (2 Balken rechts).<\/p>\n\n\n\n<p>Von zentralem Interesse ist nun aber die Frage, wie sich die Variable Lernbedingung auf die Erinnerungsleistung auswirkte. Es ist ersichtlich, dass bei beiden Testzeitpunkten mehr Suaheli-Vokabeln korrekt wiedergegeben wurden, wenn die Teilnehmenden NICHT selber entscheiden konnten, Vokabel-Paare beizubehalten oder auszuscheiden. Sind aber diese Unterschiede (zwischen den weissen und den schwarzen Balken) nicht relativ klein? Hierzu gilt es Folgendes zu bedenken: Intuitiv w\u00fcrde man ja eher annehmen, dass die M\u00f6glichkeit, Vokabeln beiseitezulegen (wenn sie beherrscht werden), die Lernzeit f\u00fcr jene Vokabeln erh\u00f6ht, die eben noch nicht beherrscht werden, was doch insgesamt zu bessern Leistungen f\u00fchren sollte. Wenn nun der Unterschied in die entgegengesetzte Richtung geht, so ist das doch umso eindrucksvoller.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch eine Anmerkung zu den Ergebnissen beim Test nach einer Woche. Hier ist ja die Differenz zwischen den beiden Bedingungen absolut betrachtet noch etwas geringer als beim unmittelbaren Test. Aber \u2013 im Verh\u00e4ltnis betrachtet \u2013 wurden in der \u00abNo-drop\u00bb-Bedingung fast doppelt so viele Vokabeln korrekt wiedergegeben als in der \u00abDrop\u00bb-Bedingung. Das Beibehalten von Vokabel-Paaren in der \u00abNo-Drop\u00bb-Bedingung hatte zur Folge, dass diese Vokabeln w\u00e4hrend der Lernphase weiterhin mehrmals erfolgreich reproduziert wurden; und dieses Reproduzieren ist insbesondere f\u00fcr das langfristige Behalten von Vorteil. In der Ged\u00e4chtnispsychologie sind zwei Theorieans\u00e4tze oder Lernmechanismen bekannt, um diese Wirkung zu erkl\u00e4ren: Der Generierungseffekt und der Testing-Effekt. Ich werde darauf in einer kommenden \u00abReflexion \u00fcber Lernen und Ged\u00e4chtnis\u00bb eingehen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Reflexionen \u00fcber Lernen und Ged\u00e4chtnis 2 habe ich die Untersuchung von Kornell und Bjork (2008) zur Selbstregulation beim Vokabellernen vorgestellt. 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